Die Innere Heimat

So sollte der Titel des nächsten Webinars gemeinsam mit Sabine Wolf lauten. Nachdem wir irgendwann im Juni den Termin festgelegt hatten, hatte ich auf der inneren Ebene die Tiere um ihren „Themenwunsch“ gefragt. Der hatte sich sehr eindeutig gezeigt – und mich sofort tief berührt: Es sollte eben um die „innere Heimat“ gehen. Diese innere Begegnung erlebte ich wie den Eintritt in „mein Land“ – als hätte ich eine Grenze überschritten, von außen nach innen. Und innen, im ureigenen Inland, wurde plötzlich alles leicht: keine Schwer-Kraft, keine Anstrengung, weder Bemühen noch Kämpfen, kein Unwohlsein, keine Kritik – nur Leichtigkeit und Sein.

In der weiteren Vorbereitung gelang es mir kein zweites Mal, in dieses „Inland“ zu kommen – dafür sollte sich die meditative Erfahrung mit realem „äußerem“ Leben füllen: Zu diesem Zeitpunkt hatte ich keine Ahnung, welche Aktualität und facettenreiche Tiefe das Thema für mich selbst und unsere Familie noch bekommen würde.

Es kam ein turbulenter Sommer, den wir fast nur auf Reisen verbrachten – zudem intensiv beschäftigt mit der Frage nach neuem Wohnraum und neuer Lebensgestaltung. Alles war schon längst zu eng geworden – deutlich war ein Abschnitt zu einem Ende gekommen.

Als erstes fanden wir einen Kindergartenplatz für unsere Tochter Lucia – eine neue Stadt, ein anderes Bundesland. Es fühlte sich leicht und richtig an, genauso wie die ersten Begegnungen im neuen Umkreis. Und schon bald schien auch vieles von unserer lang gepflegten Vision in greifbare Nähe gerückt: Wohnen und Mitarbeit in einem Projekt der „Neuen Zeit“.

Bei unserem ersten Besuch blieben zwar viele Fragen offen – es gab Begeisterung, Zuversicht und Hoffnung ebenso wie warnende Zeichen. Dennoch entschieden wir uns schließlich dafür: im Gefühl, es sei an der Zeit, zu vertrauen und zu „springen“.

Als schließlich der Umzugstermin näher rückte, begann plötzlich das alte, zu eng gewordene zu Hause nochmals in ungeahnter Weise aufzublühen, mit all den Freundschaften, Netzwerken und Strukturen, die ich mir in den letzten vier Jahren aufgebaut hatte. Tagelang weinte ich, und konnte kaum mit dem Packen beginnen. Das „Sterben“ hatte begonnen.

Doch immer noch fühlte sich alles „stimmig“ an – bis plötzlich eine recht irritierende Dynamik hinzu trat, die sich zeitweise ziemlich in den Vordergrund drängen sollte.

Am Tag vor dem Kindergartenbeginn fuhren wir mit dem voll gepackten PKW in unser neues „Zuhause“; der „große“ Umzug sollte am Wochenende darauf folgen. Der erste, so lang ersehnte Tag im Kindergarten gestaltete sich dermaßen verstörend, dass wir schon dachten, den Umzug eine Woche zu verschieben, um noch ein wenig abwarten und beobachten zu können. Eine schlaflose Nacht folgte. Hatten wir uns da in Hirngespinste verrannt, auf der Suche nach dem „besten“ Kindergartenplatz? Wäre es nicht einfach der heimische Dorfkindergarten gewesen, den auch Lucias Herzensfreund besuchen würde? Am nächsten Morgen rief ich dort an – tatsächlich, es gab noch freie Plätze … Schließlich kam Lucia doch mit einem strahlenden Lächeln aus der Gruppe; und ohnehin hatte sich die Dynamik so stark angefühlt, dass ein Umkehren, ja nicht einmal ein Innehalten mehr möglich schienen.

Also fuhren wir doch zur alten Wohnung. Viele treue Helfer waren gekommen, alles schien sich zu fügen – einzig ein „guter“ Nachbar verhielt sich plötzlich sehr irritierend. Samstag abend war die Wohnung so gut wie leer, der gemietete LKW voll beladen. Doch als wir losfahren wollten, war plötzlich der Schlüssel weg. Einen Ersatzschlüssel hätten wir erst Tage später per Post von der Zentralfirma in Deutschland bekommen können. Fieberhaft begannen wir wieder auszuräumen, da Johannes den Schlüssel im Inneren des LKW vermutete. Als es dunkel wurde, stand die Hälfte unseres Hab und Gutes, notdürftig vor Regen geschützt, im Freien, dazu noch der unversperrte LKW – dennoch fuhren wir 250 km weit in unsere neue „Heimat“. Unendlich müde, in der Finsternis draußen ein unendlicher Wolkenbruch, am Rücksitz die völlig fertige, quengelige und hustende Lucia – was SOLLTE das alles?

Am nächsten Tag fuhren wir mit der erschöpften und erkälteten Lucia zurück. Nach fünf Minuten hatte Johannes den Schlüssel gefunden. Und dann war es endlich soweit – Schlüsselübergabe, letzter Abschied von denen, die bis zuletzt ausgeharrt und geholfen hatten, und Abfahrt.

Das Auspacken am anderen Morgen ging zügig, ebenso die Rückgabe des LKWs. Abends sollte es ein Treffen geben mit weiteren Interessenten für das Projekt. Eine irritierende Stimmung – wir fühlten uns vollkommen beziehungslos, erlebten keinerlei Interesse oder Entgegenkommen. Am nächsten Tag, als wir gerade ein wenig begonnen hatten uns einzurichten, wurden wir von den Initiatoren des Projektes zu einem Gespräch gebeten: Sie hätten mittlerweile den Eindruck gewonnen, dass wir für ihr Projekt zu wenig effizient, zu wenig betriebswirtschaftlich orientiert, viel zu spirituell und zu wenig geerdet wären. Wir mögen doch bitte erst gar nicht richtig auspacken und uns so rasch wie möglich was anderes suchen …

Seitdem verweilen wir in einem merkwürdigen, vielschichtigen Zwischenreich. Nach wie vor ist es wie ein „Sterben“ – das alte Zuhause verblasst zusehends, und wir haben noch kein neues Zuhause im Außen. Immerhin haben wir ein Dach über dem Kopf, und mehr als das – aber es fühlt sich nicht erhebend an, gerade eben geduldet zu sein.

Dennoch hatten wir nicht das Gefühl, es ginge in erster Linie um einen möglichst raschen neuerlichen Umzug. Vielmehr ging – und geht – es darum, den Sinn dieser äußerlich aber-witzigen Situation zu erkennen und die entsprechenden „Geschenke“ zu uns zu nehmen (neuerdings mehren sich auch die Anzeichen, dass auch der Kindergarten nicht der „unsrige“ ist). Dunkle Themen tauchten auf und wollten angeschaut werden; vor allem aber sind wir in dieser denkbar fragilen äußeren Situation radikaler denn je gefordert (und gefördert), uns um das Innere Zuhause zu kümmern: wir als Familie, und jeder für sich (und auch das scheint ja eines der Leitthemen unserer Zeit zu sein). Gerade in dieser Hinsicht haben wir, bei allem Auf und Ab, in unserem neuen „Zuhause“ bereits wahre Sternstunden erlebt.

In diesem Prozess haben wir Unterstützung von mindestens zwei Seiten her erfahren: aus den Büchern von Magda Wimmer *– und von den „inneren Tieren“.

In den ganz dunklen Stunden waren es die Fledermäuse, die mich bzw. uns begleitet haben. Sie führten uns in die dunkle Höhle und ließen uns Vertrauen finden in das Sterben. Gemeinsam mit ihnen kopfüber zu hängen ermöglichte einen anderen Blickwinkel auf das Geschehen. Es gab nichts anderes zu tun als zu sterben, und loszulassen…

Bei Johannes war es „seine“ Eule, die, auf seine Frage, worum es denn nun ginge, mit ausgebreiteten Schwingen über das „Land der Seen“ flog. Kärnten ist tatsächlich reich an Seen; für Johannes war aber sofort klar, dass es sich um das Land der Seele handelte, in dem die Seen die Augen der Seele waren: einerseits klare Spiegel, andrerseits tief auf den Grund blicken lassend.

Die Gottesanbeterin und ihre Botschaft

Auch das Thema des nahenden Webinars begleitete mich – und half mir, die tief greifende Bedeutungsebene der Ereignisse immer präsent zu haben. Und als ich dann um Führung für die Vorbereitung bat, zeigte sich die Gottesanbeterin.

Ich bat sie um Impulse und Informationen. Wie gelangen wir in diese innere Heimat, wollte ich von ihr wissen. Da kam der Satz:

„Wenn Wege zu Strängen werden – dann werden Steine zu Sternen.“

Den „Weg“ verstehe ich hier als Synonym für das lineare Verständnis unseres Lebens: die „Vita“ der Person, die wir sind, oder – ausschließlich – zu sein glauben. Weg – und weg: weg vom Wesentlichen. Den Begriff „Strang“ hingegen erlebe ich wie die unmittelbare Nabel-schnur zur Quelle, zum ureigenen Ausdruck des großen Einen, der wir sind – ohne jeglichen zeitlichen oder räumlichen Aspekt, höchst dynamisch und alles in die Mitte ziehend.

Mit den Steinen sind die Hindernisse und Schicksalsschläge unseres Lebens gemeint. Wenn wir an unseren Strang angeschlossen sind, werden sie zu leuchtenden Wegweisern und Orientierungspunkten in unserem Leben. Welch tröstliche Brille, um die Situation anzuschauen, in der wir gerade steckten!

Hochzeit

In einem Bild zeigte sich die Gottesanbeterin als Braut geschmückt. Doch da war nur sie allein – kein Bräutigam. Ich habe dieses Bild so verstanden, dass es um eine Hochzeit geht – mit mir selbst; um eine Trauung: mich zu „trauen“, mir zu trauen. Uns selbst zu lieben und zu ehren – in guten wie in schlechten Tagen – und bedingungslos JA zu sagen zu uns selbst und unserem Leben, zu unseren Schöpfungen.

Es hätte in unserer Erfahrung ja sehr viel Gelegenheit für Selbstvorwürfe, Selbstzweifel, Reue und Schuldgefühle gegeben, für jegliches Gefühl, etwas falsch gemacht, eine Fehlentschei-dung getroffen zu haben. Aber mal mehr, mal wenig deutlich überwog doch das Gefühl, dass es richtig war, ja richtig sein musste, hier zu sein. Keine der Entscheidungen, die uns an diesen Punkt gebracht hatte, hätte ich, hätten wir wirklich anders treffen können – sosehr der Verstand sich natürlich im Nachhinein mögliche Alternativen zurecht konstruieren wollte (hätte …, wäre …).

Aber wir erlebten eben deutlich, dass es darum ging, uns selbst und unseren nun einmal getroffenen Entscheidungen zu ver-trauen – egal, welche Ergebnisse sich zunächst gezeigt hatten und wohin es uns weiter führen würde (in eine bessere Situation natürlich – aber: Was heißt schon „besser“?). Und es ging darum, auch unser augenscheinliches Scheitern anzunehmen und zu ehren. Erst mit diesem Ja konnten sich die Türen zum Sinn dahinter öffnen.

Äußeres Sterben für inneres Leben

Aber das Bild hat noch eine andere Dimension und Botschaft. Es ist eine biologische Tatsache, dass die Gottesanbeterin in ca. 30% der Fälle während oder nach der Paarung das entsprechende Männchen verspeist. Auch deshalb also war sie im Bild alleine erschienen?

Was sich hier zeigt, mag zunächst verstörend bzw. widerlich anmuten. Schauen wir aber tiefer, so erkennen wir eine komplexe Dynamik innerhalb der maskulin-femininen Polarität.

Den Akt von Paarung mit anschließender Tötung können wir als eine Vereinigung in denkbar radikaler Form erleben: als ein Verschmelzen der beiden Pole bis hin zu einer Ein-ver-Leib-ung. Dies ist natürlich verbunden mit einem Sterbe-Prozess, einer Zerstörung – aber zugunsten des Lebens: das Weibchen, welches die Eier legen und also das Leben weiter geben wird, ist unmittelbar genährt, und hat zudem weniger Konkurrenz in ihrem Jagd-Revier.

Eine Polarität erscheint ja zunächst unter anderem in einer gewissen Stabilität – eben in dem Feld zwischen den beiden Polen, welches einen kontinuierlichen Erfahrungsraum aufspannt. Zur Verdeutlichung mag hier das sichere Gehen auf zwei Beinen dienen – was, wenn da plötzlich nur mehr eines ist? Bei der Paarung der Gottesanbeterin nun wird einer der beiden Pole weg bzw. nach innen genommen: der maskuline – der ja gerade für das äußere Leben steht!

Und gleichzeitig werden in diesem Geschehen die Rollen überhaupt vertauscht: Das Männchen erscheint als passives Opfer, das Weibchen schlüpft in die Rolle des grausamen Täters. Johannes hatte diesen Akt des Verspeisens bereits mehrfach in der freien Natur beobachtet, und hatte eine merkwürdige Faszination erlebt angesichts dieser eben zunächst unverständlichen, abstoßenden Szene – in der aber doch gleichzeitig so etwas wie Hingabe zu spüren gewesen war. Und Hingabe ist doch eine kardinal feminine Qualität …

Eben diese Hingabe hatten auch wir erlebt: Bei allem Für und Wider, uns in die Unsicherheit dieses Projektes zu begeben, hatte unserer „Entscheidung“, den Schritt ins Ungewisse zu wagen, doch etwas Unausweichliches angehaftet: der wir uns schließlich, wie einer Führung, er- und hin-gegeben hatten. So hatten wir unser äußeres Zuhause in einem durchaus schmerzhaften Sterbe-Prozess aufgeben müssen – bzw. selbst „zerstört“. Nicht dass wir dort nicht auch ein inneres Zuhause erlebt hätten – doch nun galt es, ohne ein äußeres Zuhause, im fragilen Zustand einer bloß vorübergehenden „Unterkunft“, zu einer neuen, tieferen inneren Sicherheit und Geborgenheit zu kommen, zu einem verstärkten Erleben des Inneren Zuhauses.

Präsenz

Im nächsten Bild zeigte mir die Gottesanbeterin ihre Fähigkeit, vollkommen mit der Umwelt zu verschmelzen – mit den jeweiligen Pflanzen, auf denen sie sitzt, wenn sie stundenlang reglos auf Beute lauert.

Was sich hier ausdrückt, ist die vollkommene Präsenz, das Verschmelzen mit Raum und Zeit im Hier und Jetzt, die Verbundenheit mit allem: was sie letztlich unsichtbar werden lässt, und somit auch unantastbar. Im passenden Augenblick dann folgt ein blitzschnelles, unfehlbares Zupacken. Nicht von ungefähr ist die Gottesanbeterin auch Namenspatronin für einen populären chinesischen Kampfkunst-Stil …

Der dünne Ast, auf dem wir äußerlich nun sitzen, brachte uns in eine gesteigerte Präsenz. All die mentalen und emotionalen Parallel-Universen, in denen ich vorher gelebt hatte, existieren nicht mehr – nicht die eigenen und auch nicht die, die wir gemeinsamen hatten. Das Verschmelzen mit dem Augenblick hat mich in gewisser Hinsicht für meine Probleme unsichtbar gemacht: sie erreichen mich nicht mehr.

Haltung

Mit ihrer Haltung zeigte mir die Gottesanbeterin, worum es geht: Gebet zu sein.

„Gebet ist die ständige Kommunikation mit der Quelle durch Haltung“, sagte sie.

Hier ist die Haltung gemeint, mit der wir uns selbst begegnen – und dem Leben mit all seinen Beschaffenheiten und Ausdrucksformen. Es geht darum, uns immer wieder am Höchsten auszurichten – und uns somit im eigenen „Strang“ zu halten.

So hatten Johannes und ich nach dem „Rauswurf-Gespräch“ einiges aufzuarbeiten. Wir hatten es natürlich zunächst vor allem als kränkend und ungerecht erlebt, nach so kurzer Zeit so beurteilt zu werden – ohne eine reale Chance auf gegenseitige Begegnung. Und da waren natürlich Impulse gewesen, uns zu wehren, vor allem aber in die Abwertung zu gehen, spöttisch und höhnisch über unsere „Projekt-Partner“ zu denken und zu reden.

Und genau hier ging es um Haltung, um Gebet-sein: uns immer wieder am Höchsten auszurichten, bedeutete nicht, Kränkung, Enttäuschung und Wut zu negieren, sondern uns dadurch nicht aus der Haltung bringen zu lassen – bzw. uns eben immer wieder neu auszurichten. So konnten hinter den ersten oberflächlichen Emotionen weiter führende Fragen auftauchen: nach dem tieferen Sinn ihrer Handlungsweise bzw. der Situation, in welche sie uns damit gebracht hatten. Und so erlebten wir bald Frieden – und schließlich sogar Dankbarkeit.

*

Irgendwann erzählte mir Johannes schließlich auch begeistert von den Büchern von Laurens van der Post, und was er darin von den Buschmännern erzählt hatte. Von diesem beinahe ausgestorbenen Volk wurde bzw. wird die Mantis als heiligstes Tier verehrt, als sichtbares Abbild des Schöpfergottes. Welch wunderbare Bestätigung, dass gerade sie sich mir als Hüterin der Inneren Heimat gezeigt hatte: denn wo, wenn nicht im Göttlichen, sind wir wirklich zu Hause?

Magda Wimmer , „Die große Flut“ und „Die Taube fliegt wieder“,

 

*Die Aufzeichnung des Webinars kann unter folgendem Link gefunden bzw. erworben werden:

http://shop.kristallmensch.net/shop/webinaraufzeichnungen/unsere-neuesten/seelentiere-4-teil/