Jagd- und Beutetiere

 

Jäger und Gejagte – Täter und Opfer

 Dieser Text ist entstanden in der Vorbereitung auf das dritte „Seelentier“-Webinar in Zusammenarbeit mit Sabine Wolf.

 Über den Prozess

Als ich zum ersten Mal den Impuls hatte hineinzuspüren, welches Thema sich die Seelentiere für diesen Anlass wünschen würden, bekam ich ein Bild von einem Haufen Schädel und Knochen. Zuerst erschrak ich, doch nach und nach wurde mir klar, worum es ging – nämlich genau um diese Reaktion: um den Schrecken und die Angst vor dem Tod. Der Wunsch der Tiere war, dass ich mich – gemeinsam mit den TeilnehmerInnen – dem Thema Tod und Sterben unbefangen nähern sollte, den Phänomenen von töten und getötet werden, fressen und gefressen werden – um dadurch wiederum ein Stück freier zu werden, und mehr zu denen, die wir in Wirklichkeit sind.

Auch unsere dreijährige Tochter Lucia stellte uns in dieser Zeit vor „passende“ Fragen. Gerade war sie zum ersten Mal mit Geschichten vom „bösen“ Wolf konfrontiert worden. „Der Wolf ist böse, der frisst Menschen!“, war ihre erste Reaktion. Ähnlich „beurteilte“ sie auch plötzlich den Hai, von dem sie bisher uneingeschränkt fasziniert war. Nun wollte sie auf einmal genau wissen, wer wen oder was frisst – und hatte sichtlich zu ringen, wenn es bei der Nahrung um Lebendiges ging. „Können wir dem Fuchs nicht einfach Fleisch geben? Weil Fleisch hat kein Gesicht …“. Wir hatten Stellung zu beziehen – und uns selbst darüber klar zu werden, wie viel Scheu und Befangenheit in Bezug auf dieses Thema noch in uns selbst schlummerte. Welche Haltung wollen wir ihr vermitteln?

Und so ergab sich ein Prozess mit dem Thema, mit inneren und äußeren Tieren, der auch scheinbar fern liegende, persönliche Lebensgebiete berührte. Dabei erwiesen sich die Tiere als ziemlich fordernd. Sie brachten mich emotional an den äußersten Rand der Polarität von Täter- und Opferschaft in mir selbst. Sie ließen mich sterben, bzw. bestimmte Anteile in mir, und forderten mich auf, mich selbst neu zu erschaffen, in absoluter Selbstachtung und vollem Selbstrespekt.

Vor allem aber erteilten sie mir eine weitere Lektion über den Rhythmus von Pressen und Loslassen, der jedem Geburtsprozess und somit auch jedem Sterbeprozess, ja dem Leben überhaupt innewohnt. Wenn gerade Loslassen dran ist, bedeuten Pressen und Drücken einen schweren Energieverlust, und umgekehrt. Dem hatte ich mich unterzuordnen – und konnte in Bezug auf die inhaltliche Vorbereitung für dieses Webinar rein gar nichts erzwingen, bis ans äußerste zeitliche Limit. Zwar hatte ich mir stets Notizen gemacht, wenn etwas zum Thema „herein“ kam, aber die längste Zeit hatte sich noch keinerlei Struktur gezeigt. Vor allem aber spürte ich, dass noch etwas ganz Grundlegendes fehlte. So entstand der Wunsch, noch einmal intensiv auf der inneren Ebene zu arbeiten.

Zu diesem Zweck unternahmen wir eine ziemlich weite Fahrt zu einem ganz bestimmten Platz, den ich liebe – zu einer geschützten kleinen Sandbank an einem wunderbar klaren Fluss in den Bergen. Dort glaubte ich die perfekten Bedingungen für meine Arbeit zu finden. Aber wider Erwarten war der Weg noch tief verschneit, und dafür waren wir nicht ausgerüstet. Ein anderer Platz schien zunächst einladend, erwies sich aber als dermaßen kalt und windig, dass eine innere Arbeit schlicht nicht möglich war. Ich bekam nichts zu fassen, und die Müdigkeit zog mich weg. Auch ein dritter Platz zeigte sich abweisend – ein „Ankommen“ in der geplanten Arbeit war einfach nicht möglich.

 

Hirschkuh und Bussard

Das Entscheidende aber ereignete sich ohnehin unterwegs: Es handelte sich um zwei ganz besondere Tier-Begegnungen, die mir geschenkt wurden.

Auf dem Hinweg kreuzten wir, am helllichten Tag auf einer Forststraße, den Weg einer Hirschkuh. Erstaunlicherweise sprang sie nur ein paar Schritte die Böschung hinauf, um dann stehen zu bleiben und neugierig zu uns herunter zu schauen – freundlich und kein bisschen scheu. Dann äste sie ruhig weiter, ein wunderschönes, stattliches Tier.

Auf dem Rückweg sahen wir auf einer Wiesenböschung unmittelbar an der Straße einen Bussard sitzen. Merkwürdig genug blieb er da, und obwohl wir ziemlich schnell fuhren, hatte ich einen kurzen, aber präzisen Augenkontakt – klar, streng und unmissverständlich. Als wir wendeten, erhob er sich doch in die Luft und flog davon, und wir konnten sehen, dass er eine Maus in den Fängen hielt.

Später nahm ich auf der inneren Ebene mit den beiden Tier-Wesen Kontakt auf.

Die erdverbundene Hirschkuh, als typisches Beute- bzw. Fluchttier, brachte die Botschaft: „Schau mir in die Augen – ich bin dein Spiegel. Wenn du mich anschaust, siehst du immer nur dich selbst.“

Ihre Augen sind groß und rund wie Spiegel. Sie reflektieren das Licht – wie die Mondin. Sie sind weniger dafür geeignet, Einzelheiten wahrzunehmen, als den gesamten Raum, die Atmosphäre. Ihre Aufmerksamkeit ist überall, und ihre Empfindsamkeit sehr hoch. Ihre Bewegungen durch den Raum wirken eher schlendernd, folgen keiner bestimmten Richtung; sie sind ausdauernd, dabei, gemessen an ihrem Gewicht, tänzerisch und grazil.

Der Bussard, ein eindrucksvoller Jäger aus der Sphäre der Luft, des Geistes, sprach: „Ergib dich – mein Blick bringt allen Widerstand in dir zum schmelzen.“

Sein Blick ist wie ein Strahl der Sonne, der die Verhärtungen in uns zum Schmelzen bringt und uns weiche Knie bekommen lässt, der schonungslos beleuchtet – und verbrennt, was seiner Strahlkraft nicht standhält. Sein Blick ist fokussiert, fest und bestimmt, seine Bewegungen sind gerichtet, effektiv, Energie sparend und konzentriert (siehe Kampfkunst).

Und nun, im inneren Verarbeiten dieser beiden Begegnungen, wurde mir etwas Grundlegendes klar – in Bezug auf die besagte Fahrt, aber auch auf die gesamte Vorbereitung. Bei diesem Thema hatte ich mich auf den Weg zu machen – und einen neuen Erfahrungsraum zu betreten. Es gab zwar ein Ziel, das mich aufbrechen ließ, aber kein endgültiges „Ankommen“ – und es war es nicht möglich, das Thema planvoll und meditativ zu erarbeiten. Ich musste alle Erwartungen, alle Kontrollversuche loslassen – und „einfach“ vertrauen: um am Ende festzustellen, dass der Weg tatsächlich alles Nötige für mich bereit gestellt hatte.

 So war die vertraute innere Arbeit an einem bestimmten Punkt offenbar an ihr Ende gekommen, und es hatte die Reise in den äußeren Raum und die Begegnung mit den beiden realen Tieren gebraucht. Bedeutsam war auch die Reihenfolge dieser Begegnungen gewesen: Erst die loslassende Hingabe an den Prozess (Hirschkuh) ermöglicht es, im rechten Augenblick gezielt und effektiv zupacken zu können (Bussard).

Letztendlich erlebte ich den ganzen Prozess als eine verdichtete Erfahrung sowohl im Umgang mit Polaritäten, als auch mit dem alltäglichen Sterben – um des (höheren) Lebens Willen. Ein Teil unserer Persönlichkeit – ein Widerstand, ein nicht mehr vitaler Anteil – muss sterben, muss geopfert werden: zum Wohle des größeren Ganzen, das nach Höher-Entwicklung und Vervollkommnung strebt und sich unablässig selbst reguliert und heilt.

Und das führt uns wiederum zu den Tieren bzw. zu unserem Thema. Einen ganz ähnlichen Vorgang sehe ich nämlich, wenn einzelne – vielleicht kranke oder schwache – Tiere einer Herde „geopfert“ werden, um das Überleben der Herde sichern. Bekanntlich sind ja vor allem Herdentiere viel weniger individuell als Menschen, sie erscheinen  eher als Teil eines gemeinsamen Wesens – eben der Herde. Noch einen Schritt weiter, und ich kann alle Exemplare einer bestimmten Population begreifen als den gemeinsamen physischen Ausdruck bzw. „Körper“ der Gruppen-Seele dieses Tierwesens. Und dieses Wesen sorgt eben in weiser Selbstregulierung für die Gesunderhaltung seines „Körpers“.

 

Jäger und Beute, Opfer und Täter

Was bedeutet es überhaupt, wenn im Großen Ganzen bestimmte Wesen geopfert werden, damit andere leben können? In den Naturreichen dient ja das scheinbar „Niedere“ dem „Höheren“. In der Nahrungskette dienen die Pflanzen dem Tierreich als Nahrung und ermöglichen dessen Existenz, und hier wiederum lebt der Jäger von der Beute Gnaden. Wie verhält es sich nun generell mit dieser Polarität – Jäger bzw. Raubtier einerseits, Beute-, Flucht- oder Opfertier andrerseits? Und vor allem: Was bedeutet es dann, solch ein Seelentier zu haben?

 

Die Maus

Beginnen wir mit den so genannten Beute-Tieren. Ich möchte dafür ein viel gejagtes Tier herausgreifen, das sich mir schon einige Male in verschiedenen Varianten als Seelentier gezeigt hat – die Maus. Sie ist Nahrungsgrundlage für sehr viele Tierarten; in unserem Bewusstsein führt sie eher ein „Schattendasein“: Wenn ich die Maus als Seelentier nenne, sehen sich die betreffenden Menschen fast immer auch mit der Angst vor „Kleinheit“ und „Bedeutungslosigkeit“ konfrontiert.

Aber was zeigt sich da wirklich? Schauen wir wiederum nicht auf das einzelne Tier, sondern auf die Gruppenseele, so erkennen wir ein Wesen mit der Fähigkeit, aus sich selbst heraus einen solchen Überfluss, eine solche Überfülle zu produzieren, dass es sich großzügig verschenken kann – zur Nahrung für andere. Und auf Grund ihrer genialen Anpassungs-fähigkeit ist die Maus eine absolut verlässliche, an vielen Orten verfügbare und niemals versiegende Nahrungsquelle. Ein Füllhorn, eine große Ernährerin im Untergrund, die auf Glanz und Glimmer vollkommen verzichten kann.

 

Gazelle und Gepard

Als ein weiteres, sehr erhellendes Bild zum Phänomen des Opfertieres möchte ich eine Jagdszene aus einem Dokumentarfilm schildern. Darin wird eine Gazelle von einem Geparden gejagt, der die verzweifelten Haken seiner Beute in ebenso genialer Eleganz wie unerbittlicher Zielstrebigkeit abkürzt. In der Schlussphase entsteht deutlich der Eindruck, dass die Gazelle sich fallen lässt, bevor der Gepard sie noch erreicht hat – sie lässt los, gibt sich selbst auf und dem Jäger hin. Und es bedarf „nur“ eines nicht wertenden Blickes, um wahrzunehmen, welche Leidenschaft und gleichzeitig Zärtlichkeit in der „Verschmelzung“ der beiden liegt, in ihrem gemeinsamen Tanz.

Hingabe – das ist auch die große Kraft der Menschen, die ein Beutetier als Seelentier haben. Ihre Qualitäten sind: Mitgefühl, Empfindsamkeit, starke Beindruckbarkeit; die Fähigkeit, in den anderen aufzugehen, nährend zu sein.

In Bezug auf die Aufgaben und Tätigkeiten, die Berufung eines Menschen drücken sich die Besonderheiten des „Beutetiers“ eher in der Qualität aus, in der jemand diese Tätigkeiten ausführt, als in spezifischen Aufgaben oder Fähigkeiten selbst.

Wie schon bei der Maus angesprochen, müssen sich diese Menschen oft mit Gefühlen von Minderwert auseinandersetzen – von Bedeutungslosigkeit oder Nichts-können, mit der Unfähigkeit, sich selbst und die eigenen Bedürfnisse zu spüren, mit real erfahrener oder eingebildeter Geringschätzung von außen …

Ihre volle Kraft entfalten diese Wesen, wenn sie die sanfte Macht, die Größe und Würde erkennen, die in der Hingabe liegen.

 

Der Wolf

Und nun ein Beispiel aus dem anderen Lager – dem der Jäger. Auch er ist mir als Seelentier schon einige Male begegnet: der Wolf.

In unzähligen Märchen und Geschichten taucht er als Täter auf – stets mit den Attributen böse, hinterhältig und grausam. Doch was zeigt sich wirklich? Die Fähigkeit, Ordnungen herzustellen und reibungslos funktionierende Gruppen zu organisieren, die Fähigkeiten von Disziplin und strategischem Vorgehen. Ein Krieger, und ein echter Täter: ein Meister der planvollen Tat.

Die große Kraft des Jägers ist das Handeln. So steht der Angriff des Jägers im allgemeinen für „etwas angreifen“, für anpacken, zupacken, zur Tat schreiten.

Der Jagdtrieb existiert bei den meisten Tieren unabhängig vom Hunger. Das bedeutet für all jene, die ein Jagdtier als Seelentier haben, dass sie über eine „Ausstattung“ verfügen, die nicht nur dem eigenen Überleben dient: Ihre Fähigkeit muss ausgelebt werden, sonst kommt das System aus dem Gleichgewicht – nicht nur das der Gruppe, sondern zunächst und vor allem ihr eigenes. Ihre Fähigkeit zu handeln ist vergleichbar einem Motor, der ausgefahren werden muss, um nicht kaputt zu gehen.

 

 Hai, Löwe und Büffel

Einen anderen Aspekt des Jägers zeigte mir der Hai, mit seiner simplen Botschaft: Ich liebe. Zur Verdeutlichung möchte ich meine Wahrnehmung einer weiteren Szene aus dem oben genannten Dokumentarfilm schildern. Darin hatten mehrere Löwen einen Büffel angefallen. Auch hier zeigte sich Erstaunliches, sobald ich erst das Urteil „Grausamkeit“ hatte fallen lassen. Ich hatte den Eindruck von einem großen Respekt der Jäger vor ihrer Beute, und von einem gleichsam sachlich-methodischen, ja nüchtern-objektiven Vorgehen. So verschloss z.B. einer der Löwen ganz ruhig mit seinem Maul jenes des Büffels, um ihm den Atem und damit das Leben zu nehmen – und das Sterben zu verkürzen. „Jagdtechnisch“ wäre dies nicht mehr nötig gewesen: der Büffel hatte schon keine Chance mehr. Das Zupacken der Pranken erschien nicht anders denn zärtlich – es ist einfach die Seite der Medaille, auf deren anderer die Hingabe steht. Eine Fortsetzung fand all dies im augenscheinlichen Behagen, mit dem die Beute anschließend verzehrt wurde; Sprachbilder wie „etwas zum Fressen gern haben“, sich etwas „ein-ver-leiben“ bekommen in diesem Zusammenhang ihre ganz eigene Bedeutung.

 Womit sich Menschen mit den Qualitäten des Jägers oft auseinander setzen müssen, ist die Angst vor der eigenen Macht und ihrer Möglichkeit, Einfluss zu nehmen, mit der Angst vor der eigenen Aggressivität, der Angst vor Verantwortung und vor allem vor Schuld. Entspannung bringt hier vor allem die Erkenntnis, dass wir durch unser Handeln immer schuldig werden – durch nicht handeln aber auch. Diese Erkenntnis eröffnet zumindest eine Möglichkeit, aus dem bindenden Konzept von Schuld (und Sühne) auszusteigen.

 

Was uns Menschen ohnehin auszeichnet, ist unsere Fähigkeit, die beiden Pole von Täter und Opfer in uns zu vereinen, sie ggf. im zeitlichen Hintereinander auszuleben sowie uns – trotz aller einseitiger Veranlagung – in Freiheit darüber zu erheben. In Bezug auf das Tierreich stellt sich die Frage, wie es sich mit den vielen Tieren verhält, die sich außerhalb der klaren Polarität von Jäger und Beute bewegen: da gibt es jene, die sowohl das eine als auch das andere sind, dann gibt es die Allesfresser, oder jene, die zwar selbst nicht jagen, aber einfach zu groß sind, um als Beutetier in Frage zu kommen. All diesen Phänomenen soll ein weiteres Kapitel gewidmet werden.